180Grad-Regel

Bildgestaltung 01: Die 180°-Regel

In der kommenden Zeit werde ich Blog-Posts veröffentlichen, in denen ich einige Grundlagen der Bildgestaltung im Film (und zum Teil auch in der Fotografie) erklären und meine ganz persönliche Sicht darauf beschreiben werde.

Beginnen möchte ich mit einer der grundlegensten Regeln des Films:

Die 180°-Regel.

Diese Regel bestimmt die möglichen Kamerapositionen in Bezug auf die Handlung einer Szene, indem sie eine sogenannte Handlungsachse definiert. Diese Achse ist in den meisten Fällen eine Bewegungsrichtung. Die 180°-Regel beschreibt nun, wie die Kamera(s) positioniert werden müssen, damit die Einstellungen in einem logischen, für den Zuschauer nachvollziehbaren räumlichen Zusammenhang geschnitten werden können.

Einfach gesagt: Wenn also ein Schauspieler in Einstellung 1 von links nach rechts geht, dann sollte er das nach einem Schnitt in der Einstellung 2 zumindest zu Beginn der Einstellung auch tun.

Das Prinzip kennt (vielleicht nur unbewußt) jeder, der schon mal ein Fußballspiel oder eine andere Mannschaftssportart im TV angeschaut hat. Die Führungskameras, also die Kameras, die uns einen Überblick des Spielgeschehens verschaffen, sind immer auf der selben Seite des Spielfeldes angebaracht. So spielen die Roten immer von links nach rechts und die Blauen von rechts nach links, egal zu welcher Kamera der Regisseur schneidet.

Alles andere verwirrt uns. Daher werden Einstellungen von der Gegenseite, die z.B. eine strittige Schiedsrichterentscheidung zeigen, oft mit einer Schrifteinblendung gekennzeichnet.

Dieses grundlegende Prinzip findet in praktisch allen narrativen Filmen seine Anwendung. Neben der Handlungsachse, die eine Bewegung innerhalb der Szene beschreibt, gibt es auch die sogenannte Blickachse. Bei Dialogen handelt es sich dabei um die Linie, die entsteht, wenn sich beide Partner in die Augen schauen. Wenn ich nun die Kamera nur auf einer Seite der Achse positioniere stelle ich sicher, daß die handelnden Personen immer in die gleiche Richtung schauen, egal, wie ich zwischen den unterschiedlichen Kameraeinstellungen hin und her schneide.

In der Praxis bedeutet das, ich kann die Kamera in einem Halbkreis (also einem Winkel von 180°) auf einer Seite der Achse aufstellen wo ich möchte. Daher hat die Regel ihren Namen.

180 Grad Draufsicht

Egal, wo ich die Kamera innerhalb dieses Halbkreises positioniere, die Personen schauen immer in die selbe Richtung.

Einstellungen Dialog 750 bearbeitet

 

Überschreitet die Kamera die gedachte Achse, kommt es zu einem sogenannten Achsensprung.

Beide Personen würden, nach einem Schnitt, nun in die gleiche Richtung schauen. So würde kein Zuschauer mehr eine normale Dialogsituation, in der die Partner voreinander stehen und miteinander reden, aus den Bildern herauslesen.

Achsensprung bearbeitet

Bei so einer Bildfolge würde der Eindruck entstehen, die beiden Partner sitzen oder stehen nebeneinander. Eine wirkliche persönliche Verbidung der beiden läßt sich so nur schwer erzählen.

Daher halten sich die meisten Filmer in den allermeisten Fällen an diese Regel. Aber wie die meisten Regeln, darf natürlich auch diese Regel gebrochen werden – wenn man einen gewichtigen künstlerischen oder dramaturgischen Grund dafür hat.

Und ganz nebenbei läßt sich an den obigen Bilder noch eine weitere „Regel“ zeigen: Der Blick braucht Raum im Bild.

Normalerweise positionert man den Dialogpartner in einem äußeren Drittel des Bildausschnitts und läßt zu der Seite, in die er Blickt „Luft“. Er hat also Raum, in den er schauen kann. Eine andere Bildeinteilung macht nur in den seltensten Fällen dramaturgischen oder ästhetischen Sinn.

Luft bearbeitet

Und auch bei einer Bewegung ist es immer von Vorteil, dem Akteur in Richtung seiner Bewegung, Platz im Bild zu lassen. So positioniert man einen gehenden Menschen am besten so im Bild, daß ungefähr zwei Drittel des Bildes vor seiner Bewegungsrichtung liegen. Damit kann der Zuschauer sehen, was vor demjenigen liegt, den er beobachtet. (Natürlich ist in dieser Begründung schon angelegt, wann man dieses Prinzip bewußt nicht anwendet . nämlich dann, wenn der Zuschauer eben nicht sehen soll, was vor der Figur liegt, bei einer Verfolgung zum Beispiel, oder wen man es darauf anlegt, daß sich der Zuschauer gleichzeitig mit der Figur vor einem plötzlich auftauchenden Hindernis erschrickt.)

Jetzt kann man natürlich einwenden, daß es ganz schön langweilig wird, wenn man den einen Schauspieler immer nur von der einen und den anderen eben die ganze Zet von der anderen Seite sieht.

Und natürlich gibt es Lösungen, wie man die Kamera von der einen auf die andere Seite der Achse bekommt, ohne die logische Abfolge der Bilder zu stören.

Im ersten Fall bewegt sich die Kamera. Sie startet auf der Seite, die in den vorhergegangenen Einstellungen etabliert wurde und bewegt sich dann auf die andere Seite der Achse.

Achsenwechsel

Im zweiten Fall wechselt der Schauspieler in seiner Bewegung von der einen Seite der Kamera auf die andere. Die Kamera bleibt dabei am gleichen Platz.

Dies sind die beiden gängigen Verfahren, die Handlungs- oder die Blickachse im Handlungsverlauf zu verändern, ohne die bildliche Logik zu zerstören.

Ich finde die 180°-Regel ist eine der wichtigsten Regeln des Filmens, denn hier geht es um Logik und Nachvollziehbarkeit. Und auch wenn unser Gehirn heute viel trainierter ist, Achsensprünge nachzuvollziehen und dem Film zu „verzeihen“ (die Musikvideos der 90er haben einen großen Anteil daran), als zu den Zeiten als diese Regel postuliert wurde, muß sie jeder Filmer beherrschen. Und jeder Filmer, der sie überschreitet, muß sich sehr genau überlegen, warum er das tut.

Und auch wenn die grundsätzliche Erklärung nachvollziehbar und eigentlich leicht verständlich ist, gibt es für mich, auch heute, nach so vielen Jahren immer noch Situationen (zum Beispiel bei viel oder schnellen Bewegungen, die später ind viele schnelle Schnitte zerlegt werden sollen) wo ich kurz innehalte und mich frage, ob ich jetzt einen Achsensprung mache oder nicht.

 

Und noch eine kurze Anmerkung zum Schluß: Die Beispielbilder habe ich mit der Storybarding-App „ShotPro“ erstellt – ein Tool, auf das ich nicht mehr verzichten möchte. Sollte es ein Projekt hergeben, werde ich einen ausführlichen Blogpost darüber schreiben.

Natürlich gäbe es bestimmt auch die passenden Realbilder, die meinen Text illustrieren könnten. Aber leider habe ich die nicht in der Ausführlichkeit in meinem Archiv. Mir sie einzeln im Internet zusammenzusuchen war mir (ehrlich gesagt) zu mühsam.

Die Avatare in der App sind dagegen unglaublich geduldig und ich kann so lange mit ihnen rumprobieren, bis ich das habe, was ich brauche. Daher werde ich bei den folgenden Posts auch immer wieder einmal auf diese App zurückgreifen.

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