gute Stories 1

Storytelling – gute Stories #2

– Fiktionales Storytelling –
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Als ich mich entschlossen habe, zu Beginn meines Blogger-Seins einen Artikel über Storytelling zu schreiben, geschah das, weil es mich irgendwie aufgeregt hat, andauernd mit diesem Wort konfrontiert zu werden – noch dazu oft in Zusammenhängen, in denen mir der Begriff irgendwie deplatziert erschien.

Nachdem ich mich weiter in das Thema hineinrecherchiert hatte, mußte ich feststellen, daß der Begriff tatsächlich häufig mit einem unzureichenden Verständnis dessen, was eigentlich dahinter steckt, benutzt wird. Sei es, um im Trend zu liegen, auch dabei zu sein, weil sich das Wort gut anhört – was weiß ich.

Ich habe allerdings auch festgestellt, daß man für Storytelling keine einheitliche, allgemein gültige Definition abgeben kann, sondern, daß der Begriff in unterschiedlichen Zusammenhängen, voneinander abweichende Bedeutungen (zumindest teilweise) hat. An meiner grundsätzlichen Definition ändert dies zwar nichts, aber für die weiteren Überlegungen hat sich meine Unterscheidung in fiktional und dokumentarisch für mich als hilfreich erwiesen. (Und wie es sich dann in der Marketingkommunikation verhält, werden wir sehen…)

Was ich über die gute fiktionale Geschichte zusammengetragen habe hat selbstverständlich keine Allgemeingültigkeit. Aber es sind Grundmuster, die sich in den meisten der erfolgreichen Geschichten der letzten Zeit wiederfinden. Einen Großteil davon liefert die amerikanische Filmindustrie. Daher (und weil es in meinem Alltag eben auch um Filme geht) ist ein Großteil der angeführten Elemente an Filmdramaturgien angelehnt.

Deshalb:

Was ist eine gute (fiktionale) Story? 

Diese Frage ist bewußt nach dem Was formuliert. Wenn man jemanden fragt, der einen Film gesehen oder ein Buch gelesen hat, das man selbst nicht kennt, fragt man normalerweise: Um was geht es? Nur in den seltensten Fällen kommt man auf die Idee zu fragen, um wen?

Geschichten sind Handlung. Handlungen gehen von Menschen aus, die eine bestimmte Motivation für diese Handlungen haben. Um packende Geschichten zu erzählen, sollten diese Motivationen starke, ja existentielle Gründe haben.

Der amerikanische Produzent und Autor Alan A. Armer bringt es auf die Formel: Eine Person hat ein Problem. Damit starten die meisten guten Geschichten.

Auf die Frage nach den Grundlagen einer stimmigen Filmdramaturgie hat Steven Spielberg einmal geantwortet:

„Meiner Meinung nach auf jemanden – auf einen Protagonisten -, der sein Leben nicht mehr im Griff hat, der die Kontrolle verliert und sie irgendwie wiedererlangen muß. Das ist ein guter dramatischer Stoff. In allen meinen Filmen wirken Mächte von außen auf den Protagonisten ein. In fast jedem Hitchcock-Film verliert der Protagonist bereits zu Beginn des ersten Aktes die Kontrolle. Er muß sie nicht nur zurückgewinnen, er muß sich darüber hinaus auch auf die neu entstandene Situation einlassen.“

Das Problem ist der Anfang der Geschichte.

Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald …

Zack – das Problem ist benannt.

Der Anfang kann dabei durchaus Zufallscharakter haben. Die Hauptperson, der Protagonist, kann wie aus heiterem Himmel von diesem Problem überwältigt werden. Aber von diesem Punkt aus muß sich die Geschichte logisch, stringent und möglichst ökonomisch auf ihr Ziel hinentwickeln.

Der Anfang zwingt den Protagonist zum Handeln. Eine Figur, die sich nur in ihr Schicksal ergibt und sich komplett von außen bestimmen läßt, ist sehr schnell langweilig. Jemand, der sich gegen sein Schicksal auflehnt, auch wenn es noch so aussichtslos erscheint, eignet sich dagegen als Identifikationsfläche für die Zuschauer. Mit dieser Figur kann man mitleiden, sich in sie hineinversetzen und sich mit ihr freuen, wenn wider Erwarten doch einmal was gut geht. Dabei kann es durchaus nützlich sein, die Figur in der Nähe von bestimmten Prototypen anzulegen. Umso größer ist die Chance einer breiten Identifikation.

Für den Protagonisten stellt dieser Anfang eine Entscheidung dar, die Shakespeare – sehr existentiell – seinem Hamlet so in den Mund gelegt hat:

… ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
des wütenden Geschicks erdulden – oder
sich waffnend gegen eine See voll Plagen
durch Widerstand sie enden …

Hamlet entscheidet sich für den Widerstand und wird so erst zum tragischen Helden. Wenn auch zögerlich, er handelt.

Und dieses Handeln treibt die Geschichte vorwärts, Handlungen, die zum Ziel haben, den Konflikt zu lösen, in dem sich der Protagonist befindet. (Ich benütze ganz bewußt das Wort Protagonist und nicht Held, um jede Nähe zur Heldenreise zu vermeiden, da es sich dabei um einen Erklärungsversuch handelt, der sehr viel tiefer und komplexer ist, als alles, was man im Rahmen eines Blogs behandeln könnte.)

Und dieser zentrale, existentielle Konflikt ist normalerweise das Was, um das es in einer guten Geschichte geht. Der amerikanische Schriftsteller Henry James hat vor über 150 Jahren sinngemäß einmal gesagt, daß es sich nicht lohnt, eine Geschichte zu erzählen, wenn sich die Hauptfigur nicht in der größten Krise ihres Lebens befindet. In guten Geschichten sind die Konflikte so angelegt, daß wir, als Zuschauer, Hörer oder Leser, uns in den Konflikt hineinversetzten können. Gleichzeitig sind sie aber so extrem, daß wir uns selbst nicht vorstellen können, sie in der Realität durchzustehen. (Gute Geschichten sind eben auch immer bigger than life – und das ist wichtig, denn sonst wären sie Alltag, und den haben wir selbst, dafür brauchen wir uns kein Buch zu kaufen oder einen Film anzusehen.)

Diesen Konflikt kann der Protagonist mit sich selbst austragen (innerer Konflikt), oder aber mit einem äußeren Gegner, seinem Antagonisten. Dieser Gegenspieler, oft der Schurke innerhalb der Geschichte (die böse Hexe, Darth Vader, die Terroristen in „Die Hard“ etc.), hat zum einen die Aufgabe, dem Protagonisten innerhalb der Geschichte immer neue, sich steigernde, Hindernisse in den Weg zu legen, und auf der anderen Seite, durch die Charakterzeichnung etc. den Protagonisten nochmals aufzuwerten.

Neben der persönlichen Verkörperung kann auch die Umwelt, die Umstände seiner Existenz, als Antagonist zum Protagonist auftreten.

Hier spielen gute Geschichten ganz bewußt mit den unterschiedlichen emotionalen Haltungen, die Zuschauer einnehmen können: Sympathie, Empathie und Antipathie. Klar, wir empfinden Symphatie für den Protagonisten und Antipathie für seinen Gegenspieler. Aber würden wir es dabei belassen, wären wir von all den Schwarz-Weiß-Storys sehr schnell angeödet. Und hier kommt die Empathie ins Spiel, also „das Verstehen der Emotionen, die eine Figur antreiben, das Wissen um die Bedingungen, die sie so handeln läßt, wie sie handelt“. (Alan A. Armer) Die Empathie bewirkt, daß wir Handlungen der Hauptfigur nachvollziehen können, auch wenn wir wissen, daß sie falsch sind, und so mit ihr mitleiden. Und auch Figuren, die uns eigentlich unsympathisch sind, bekommen Tiefe, wenn wir sie verstehen. Das Ansprechen der Empathie beim Zuschauer zieht ihn emotional in die Logik der Geschichte – für eine packende Story unerlässlich.

Ebenso unerläßlich ist die Steigerung der Handlung, die sogenannte Handlungsprogression. Die Hindernisse, die sich dem Protagonisten in den Weg stellen müssen sich bis zum Ende hin immerzu steigern. Jede Aufgabe, jeder Konflikt ist schwerer als der vorherige. Würde sich Luke Skywalker gleich zu Beginn des ersten (ok: vierten) Teils von Star Wars mit Darth Vader duellieren, was dann? Der zentrale Konflikt ist ausgetragen, die Hauptfigur kann nach Hause gehen …

Die Handlungsprogression bestimmt den Spannungsbogen, die Dramaturgie einer Geschichte. Innerhalb dieses Bogens gibt es meistens einen Wendepunkt (manchmal offen, manchmal auch versteckt), die dem Protagonisten eine neue Richtung gibt, eine Idee, die er benötigt, um den zentralen Konflikt letztendlich zu lösen. In Star Wars ist dies zum Beispiel Lukes Konfrontation mit der Erkentnis, daß Darth Vader sein Vater ist. Von diesem Moment an weiß er, daß und wie er sich Darth Vader stellen muß.

Dieser Wendepunkt ist die eigentliche Mitte der Geschichte.

Von diesem Punkt ab steuert die Story ihrem Ende, der Auflösung entgegen. Der Hauptkonflikt kulminiert in einer zentralen Auseinandersetzung (einem Show-Down). Alle Fragen, die im Bezug auf den Protagonisten im Verlauf der Story aufgeworfen wurden, werden beantwortet. Nebenhandlungen werden integriert und ebenfalls zu einem logischen Ende gebracht.

In den meisten Geschichten, die uns erzählt werden ist das logische Ende ein Happy-End. Das war schon immer so: Odysseus kehrt nach Hause zurück und rettet seine Penelope vor den aufdringlichen Freiern, Hänsel und Gretel besiegen die Hexe und kehren ebenfalls nach Hause zurück, Harry kriegt Sally und Darth Vader wird wieder zu Anakin Skywalker und gehört wieder zum Kreis der (toten) Jedi.

Ich gehe einmal davon aus, das wird auch immer so bleiben.

Aber natürlich gibt es dazu auch Gegenentwürfe:

Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. (Friedrich Dürrenmatt)

Und je nach dem, welche Wirkung mit einer Geschichte erziehlt werden soll, hat auch dieser Ansatz seine absolute Berechtigung. Ein Beispiel dafür ist unter anderem der Film „Der letzte Tag“ der die Automatik und die Folgen eines atomaren Konflikts beschreibt.

Zum Schluß noch meine ganz persönliche Meinung: All die angeführten Elemente sind Bausteine – technische Bausteine – für eine packende Geschichte. Sie wurden von vielen kompetenten Menschen aus einer Vielzahl von Geschichten herausfiltriert (und natürlich könnte man noch weiter in die Tiefe gehen, über Parallelhandlungen, Plot-Points etc. sprechen). Aber sie taugen nichts, wenn mich die Geschichte nicht abholt. Und das kann sie meiner Meinung nach nur, wenn sie etwas mit mir, mit meinem Mensch-Sein, mit meiner Realität zu tun hat. Wobei im Fiktionalen die Geschichte nicht die Realität ist, „sie ist die Illusion von Realität. Die vorgeführte Illusion für Wirklichkeit ausgeben zu können ist eine Kunst.“ (Alan A. Armer)

Und deshalb interessiert mich als nächstes auch, wie es im dokumentarischen Storytelling mit der Realität und ihrer Umsetzung aussieht …

 

Das Beitragsbild entstand unter Verwendung einer Grafik von vectorolie – freedigitalphotos.net

One thought on “Storytelling – gute Stories #2

  1. Hallo Thomas, habe bereits deine Gedanken zu Storytelling I + II gelesen. Fand es echt gut und anregend zu lesen. Blogge weiter so! Liebe Grüße, Steffen

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