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Storytelling vs. Dramaturgie

Ich habe ja in einigen früheren Posts viel über Storytelling geschrieben. Und bestimmt hat der ein oder andere, der meine Image- oder Produktfilme angeschaut hat, erkannt, daß diese Filme im eigentlichen Sinn überhaupt keine Story haben. Deshalb möchte ich in diesem Post einen weiteren – in diesem Zusammenhang allerdings nicht ganz neuen Begriff einführen: Die Dramaturgie.

Bevor ich aber richtig loslege, hier erst mal sowas wie ein Disclaimer: Jeder Film, den ich konzipiere und produziere, ist individuell und einmalig, so wie meine Kunden. Worüber ich hier schreibe sind tendenzielle Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe und aus denen sich ein grobes Muster ablesen läßt. Dennoch ist jedes Projekt neu und individuell und beginnt mit einem weißen Blatt Papier. Davon, aus meinen Erfahrungen eine Art Methode der Herangehensweise oder der Umsetzung von Imagefilmen zu entwickeln, bin ich meilenweit entfernt!

Und jetzt zunächst einmal zum „Problem“ (das in Wirklichkeit gar keines ist!):

Inhalt von Imagefilmen sind oft die das Know-How, die Kernkompetenzen und die Innovationen der Firmen – aber auch die Produktionsstätten, Maschinen oder Standorte. Und die Firmeninhaber oder Geschäftsführer wollen nach Möglichkeit auch alles zusammen in den Filmen, die sie in Auftrag geben, wiederfinden. – Und das ist ihr gutes Recht und vollkommen OK!

Meistens ist es nun aber nur sehr schwer möglich, alle relevanten Inhalte in eine klassische Geschichte (also mit Beginn, Höhepunkt und Auflösung, ausgehend von einem Problem oder Konflikt – mehr hier) zu integrieren. – Wenn die Marketeers und Geschäftsführer bei den Worten „Problem“ und „Konflikt“ nicht sowieso von vorne herein zusammenzucken und reflexartig abwinken.

Und ich frage mich in den Konzeptionsphasen von Imagefilmen oft, ob man dem Film und auch dem Storytelling (als Methode der Vermittlung) etwas Gutes tut, wenn man versucht, die Beiden unbedingt zusammenzubringen. Klar, Storytelling ist ein Marketing-Buzz-Word und es kommt bei den meisten Kunden gut an, wenn man es hier und da mal fallen läßt. Und natürlich kann es auch den Fall geben, daß sich die geforderten Kommunikationsinhalte praktisch von alleine in die Firmengeschichte einbetten oder auch ganz natürlich in einer fiktionalen Geschichte Sinn machen – aber das ist sehr selten.

Und ich frage mich auch, ob man wirklich Geschichten braucht, um Botschaften besonders emotional und nachhaltig in die Köpfe der Zielgruppe zu bekommen. Oder, ob es nicht viel mehr auf eine glaubwürdige und authentische Darstellung der jeweiligen Firmen und Ihrer Dienstleistungen und Produkte ankommt. Schließlich kann ich auch ohne Story Emotionen wecken, die ihrerseits wiederum die Botschaften nachhaltig im Gedächtnis verankern.

Ganz anders kann es sich natürlich in der klassischen Werbung darstellen, wo man meistens eine klar definierte, „schlanke“ Grundbotschaft kommuniziert und darüber hinaus auch noch mit den Mitteln der Überhöhung arbeiten kann. Hier ist es meist viel einfacher, Stories (zumindest rudimentäre) um das Produkt oder die Kernaussage herum zu gestalten.

Dennoch muß man die Inhalte und Botschaften eines „normalen“ Imagefilms sinnvoll bebildern und diese Bilder dann auch noch in eine ebenfalls sinnvolle Reihenfolge bringen.

Und das ist die Dramaturgie (des Films).

Einfach gesagt: Die Dramaturgie strukturiert den Film.

Oder – (wie man bei Wikipedia nachlesen kann):

„Nach Gottfried Fischborn lässt sich der Begriff auf alle prozessualen und strukturierten Tätigkeiten, kommunikativen Akte (die Sprechakte eingeschlossen), Geschehnisfolgen und Vorgänge im gesellschaftlichen wie im individuellen Leben der Menschen beziehen, in der Sphäre der symbolischen Repräsentation wie in der des Alltags, in der Realität wie in den Künsten. Unabdingbar für die Anwendbarkeit des Begriffes seien raum-zeitliche Strukturiertheit (Gestalt) und Kommunikativität – völlig unstrukturierte Abläufe oder solche ohne kommunikative Intention bzw. Wirkung haben auch keine Dramaturgie.“

Nun stellt sich also die Frage, wie ein Imagefilm – ohne Story – dramaturgisch strukturiert werden kann.

Bei dieser Frage kann man ruhig ein paar Anleihen beim Storytelling nehmen. Auch ein „normaler“ Imagefilm braucht einen Aufhänger, den Anknüpfungspunkt, um den sich inhaltlich alle anderen Elemente des Film (Aussagen, Botschaften, Innovationen etc.) gruppieren und auf den sie sich immer wieder beziehen. Dieser Aufhänger sitzt praktisch in der Mitte des dramaturgischen Netzes. (Bei den vielbeschworenen KMUs handelt es sich dabei meist um die Kernkompetenz der Firma. Bei größeren Unternehmen mit Tochterfirmen und einem differenezierten Portfolio kann es aber bei der Definition durchaus kompliziert werden.)

Die um dieses Zentrum aufgebaute Dramturgie hat in den allermeisten Fällen auch durchaus narrative Züge oder Elemente. (Und die werden im Marketing-Sprech eben oft schon als Storytelling tituliert – mehr darüber hier.) Aus diesen Elementen entsteht eine erzählende Haltung der Dramaturgie / des Films. Und diese ist, wie im gerade angesprochenen Post ausführlich beschrieben, sehr wichtig, um eine Kommunikation auf Augenhöhe zu erreichen und eben nicht von oben herab, seine Ziegruppe zu „belehren“.

Um die Kernkompetenz genau zu definieren und sie auch griffig zu formulieren, muß man manchmal etwas tiefer graben. Viele Geschäftsführer und Marketeers sind – auch bei Imagefilmen – sehr produktorientiert. Die wahren Kompetenzen finden sich aber sehr häufig eher in den Prozessen. Und da Prozesse geordnete, strukturierte Abläufe sind, kann man sich häufig mit der Dramturgie des Imagefilms an ihnen orientieren. Außerdem ist ein Prozeß auch immer eine (vielleicht auch nur abstrakte) Bewegung und so aus sich heraus eher zur filmischen Umsetzung geeignet als statische Produkte.

Wenn ich also mit dem Prozeß der Kernkompetenz des Unternehmens den roten Faden des Films definiert habe, kann ich darum alle anderen Kommunikationsinhalte gruppieren (wie Produktlinien, Produktionsstätten, Entwicklungsabteilungen, O-Töne von Mitarbeitern oder Geschäftsführern, oder oder oder). Man könnte dies auch in primäre (Prozeß der Kernkompetenz) und sekundäre (alles Weitere) Botschaften unterteilen. So bleibt auch immer klar, worauf (in der Konzeption wie auch in der Produktion des Films) die besondere Konzentration liegen muß.

Für mich fühlt es sich – komischerweise vor allem beim Schnitt des Film – so ein bißchen an wie Haupt- und Nebensätze eines gut strukturierten Textes.

Und ein gut strukturierter Text (wie auch Film) braucht (normalerweise) die Nebensätze, die die Hauptaussage ergänzen, unterstützen, ein zusätzliches, neues Licht auf bestimmte Inhalte werfen oder um eine überraschende Wendung bereichern. Aber wie im Text dürfen im Film die sekundären Botschaften (Nebensätze) nie isoliert stehen. Sie müssen sich immer auf den roten Faden beziehen.

Im Film habe ich für die Darstellung des roten Fadens zwei grundlegende Mittel: die Bildgestaltung und die Montage. Die Montage (Schnitt) ist dabei wie der Satzbau, während die Bildgestaltung eher der Wortwahl, der Sprachfärbung bis hin zum Gebrauch von Metaphern entspricht. Natürlich gibt es neben den beiden erwähnten Gestaltungsmitteln noch weitere wie Ton, Musik oder Off-Text – aber darüber Verbindungen zwischen einzelnen Botschaften des Films herzustellen, die nicht gleichzeitig auch mit Bildsprache und Schnitt hergestellt werden ist „nicht ganz sauber“ und hinterläßt beim Zuschauer zumeist einen „holprigen“ Eindruck, genau so wie in einem Text, wenn die Gedanken ohne erkennbaren Zusammenhang neben einander stehen, nicht logisch miteinander verknüpft sind und sich auseinander heraus entwickeln.

Die Dramaturgie eines Films könnte man also durchaus als in sich schlüssige Abfolge von Bildern bezeichnen, die durch die Montage die Botschaften des Films auf gleichzeitig rationale wie emotionale Weise kommuniziert. (Wobei – im Gegensatz zum Text – die innere Logik des Film eine ästhetische „Logik“ ist.)

Und darauf tiefer einzugehen ist ja schon wieder ein Thema für einen weiteren Post 🙂
Das Beitragsbild entstand unter Verwendung einer Grafik von Chatchai Somwat – freedigitalphotos.net

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